Doina Ruști

Freitagskatze

Freitagskatze - Doina Ruști
Polirom Verlag, 2018 (Rumänisch)
Freitagskatze - Doina Ruști
Polirom Verlag, 2017 (Rumänisch)
Freitagskatze - Doina Ruști
Klak Verlag, 2018 (Deutch)

FREITAGSKATZE

DAS BUCH DER BÖSEN GERICHTE

Roman

Aus dem Rumänischen übersetzt von Roland Erb

Originaltitel: Mâța VineriiI

DER ROTE FLASCHENKORKEN

Die Flucht

In den ersten Morgenstunden wurde Maxima unter den Blicken der Straßenreiniger, die gerade am Walachischen Tor fegten, auf den Marktplatz geschleift. Ich wusste, was jetzt folgen würde. Ich packte rasch ein paar Habseligkeiten zusammen und rannte durch die Hintertür aus dem Haus. Die Metzger karrten gerade frisch geschlachtete Kälber heran, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Schnell lief ich bis zum Ende der Straße. Ringsum war alles wie ausgestorben, aber ich argwöhnte, dass aller Augen sich an die Fenstervorhänge hefteten.

Wenn die Patrouille von Șchei an eine Tür klopfte, hörte es das ganze Stadtviertel. Sie hatten Stöcke mit einem metallischen Vorsprung, die offenbar eigens dazu angefertigt waren, an das Schild mit der Hausnummer zu klopfen. Zuerst schlugen sie einmal, um Aufmerksamkeit zu erregen, dann riefen sie laut den Namen des Schuldigen. Und erst danach begannen sie an die Tür zu donnern, wobei sie um die Wette daran schlugen, weiter brüllten und vom Namen zu dem Grund übergingen, weshalb er gesucht wurde. Ich hatte das schon oft gehört, vor allem nachts, doch nie war es mir in den Sinn gekommen, dass sie an unsere Tür schlagen könnten. Die Stadtwachen waren für Galgenstricke, für Diebe und Mörder bestimmt. Daher machte ich bei den ersten Schlägen nicht einmal die Augen auf. Unsere Haustür hatte ein neues Vordach, und die ersten Schläge donnerten wie ein Hagelschauer. Erst als Maximas Name mehrmals genannt wurde, sprang ich, zu Tode erschrocken, aus dem Bett. Im Vorsaal zitterte die Wäscherin vor Angst, und nach ein paar Sekunden erschien Maxima. Sie kam mit bloßen Füßen, nur mit einem Hemd bekleidet, die Treppe herunter.

„Zieh dir was an und lauf durch die Hintertür hinaus!“

„Auf keinen Fall!“

Sie packte mich an den Schultern und sah mich mit dem Blick an, der keinen Widerspruch zulässt:

„Hör auf mich: Vergiss nicht deine Bestimmung! Bald fährt die Brașoveanca ab nach Bukarest, du musst um jeden Preis einen Platz in der Postkutsche erwischen! Ich brauche dich! Fahr zu dem Ehrwürdigen Zăval, der dir genau sagen wird, was du zu tun hast: und bis dahin weißt du…!“

Ich wusste: Ich durfte nichts von mir erzählen und mit keinem ein Gespräch anfangen. Die Grundregel war, dass ich niemals meinen richtigen Namen nennen durfte. Selbst wenn jemand beweisen sollte, dass er mich kannte, musste ich es bis zum Äußersten leugnen. Nicht einmal, wenn ich sterben müsste, durfte ich ihn nennen. Meine Kleidung sollte bescheiden sein. Den Blick stets zum Boden gerichtet. Wir lachen auch nicht! Und zeig niemals deine Zähne! Schmunzele! Du lächelst niemanden an und lachst nicht laut. Einzig die Augen dürfen sich freuen. Und selbstverständlich – niemals vom Weg abweichen!

Jemand hatte mir die Tasche in die Hand geschoben. Vor der Haustür brüllten die Wachen, und ich zog mir zitternd die Stiefel an. In der Nachbarschaft wurden Lampen angezündet.

Das Geld war in der Stiefelsohle versteckt und eingenäht in das Westenfutter und verschiedene Gegenstände der Reisetasche. In der Tasche selbst sollte ich nur das Kleingeld behalten. Das gelbe Kleid war mit allen nötigen Dingen vollgestopft.

Und vergiss nicht, Knirps! Ruf Sator an, wenn du in der Klemme steckst!“

Das waren Maximas letzte Worte. Sie stand noch barfuß an der Treppe. Ich küsste sie nicht. Wir konnten nicht Abschied nehmen. Ich hörte, wie die Tür aufgebrochen wurde, aber ich rannte weiter zur Hintertür. Vom Garten aus sah ich, wie man Maxima auf die Straße hinaus stieß. Es waren drei Uniformierte, drei Taugenichtse. Ich öffnete die Tür. Tränen rannen mir übers Gesicht. Ich lief bis ans Ende der Straße.

Und das erste, was ich in meinem neuen Leben tat, war, vom Weg abzuweichen.

Als ich an Burchioius Haus vorüberkam, merkte ich, dass ich nicht einfach so weiterlaufen konnte, zumal auf der Veranda ein Lüftchen wehte und die Tür angelehnt schien. Wenn ich den Mut aufgebracht hätte, würde ich Burchioiu den Hals umgedreht haben. Er schien fest und ohne Träume zu schlafen. Für einen Augenblick blieb ich stehen, doch ich sorgte mich, ich könnte etwas von den vielen Sachen verlieren, die ich bei mir trug. Mein ganzer Besitz befand sich in dem gelben Kleid, das mir Maxima aus Nankingstoff und Samt geschneidert hatte, mit all seinen Taschen, Manschetten und Falten, in denen der Inhalt eines ganzen Schreins Platz gefunden hätte. Wie viele Dinge hatte ich nicht in diesem Kleid versteckt! Salze, Samenkörner, Pülverchen, Flakons mit in Öl gelöschtem aconitum, aqua phosphori, Todesblüte und so viel anderes, dass ich lange Zeit gebraucht hätte, alles aufzuzählen. Ich ging nirgends hin ohne mein Salpeterschächtelchen, in dem Tausende Funken schlummerten.

Mit dem Gesicht nach oben liegend, schnarchte Burchioiu wie ein vom Wind geschüttelter Scheuerlappen. So ist er mir im Gedächtnis geblieben: ein verschattetes Gesicht mit übergroßen Ohren. Als ich weitergehen wollte, sah ich in der Nische neben der Tür einen seiner Hüte und begann zu zittern. Ach, welche Traurigkeit wohnt solchen Kleidungsstücken inne, die von keinem mehr getragen werden!

Ich rannte, um die Brașoveanca noch zu erreichen, ohne auf die Blicke zu achten, die mich verfolgten. Selbst wenn ich im gemächlichen Spazierschritt gegangen wäre, hätten alle anderen gewusst, dass ich auf der Flucht war.

Die Postkutsche war schon voll, doch als ich meine Börse gezückt hatte, fand der Postillion doch noch einen guten Platz für mich am Fenster. Ich beugte mich übers Fensterbrett hinaus, auf das sich schon viele Ellbogen stützten, und während der Postillion losfuhr und das Tempo anzog, sah ich zum letzten Mal den roten Bogen des Walachischen Tores, unter dem Maxima hinausgestoßen wurde, und ein Stück weiter in der Ferne den mit Pech beschmierten Galgen. Ich zog das Rouleau herunter und schmiegte mich an den Überzug aus verschlissenem Kattun. Mein ganzes weiteres Leben würden mich die Blumen der Stickerei darauf an Maximas Tod erinnern. Ich ließ die Stadt Brașov hinter mir zurück, ihre Straßen zerrannen, vom Dunst verschlungen.

Selbst die roten Haustüren lösten sich auf wie die erstarrte Silhouette meiner geliebten Großmutter.

Jede Flucht hat den Beigeschmack einer Sünde, sie verwandelt dich in einen Bettler. Wer gesagt hat, sie sei heilsam, ist niemals Flüchtling gewesen, sondern nur ein Zuschauer am Straßenrand. Meine Flucht war für mich wie eine klebrige Masse, die ich nicht mehr abwaschen konnte. Jeder konnte sie an mir sehen, jedes meiner Worte war mit ihr vermischt. Aber damals, angesichts der Bedrohung durch die Wachen und die Erinnerung an Burchioiu im Herzen, glaubte ich, die Flucht sei der einzige Ausweg und der Postillion meine Rettung. Ja, ich fühlte mich von Sator selbst getrieben, in der Überzeugung, dass ihn Maxima, die Großmutter, zu meinem Beschützer gemacht hatte.

Für sie gab es nur einen einzigen Ort, an dem das Leben pulsierte, und das war Bukarest. Von dort war ich vor Jahren gekommen. Dort war das Haus, in dem meine Mutter aufgewachsen war und wo ich selbst die ersten Atemzüge getan hatte. In Bukarest lebte mein Oheim, der Ehrwürdige Zăval.

Der Postillion schwebte in Staubwolken, die vom Odem Sators aufgewirbelt wurden. Ich träumte von dem Augenblick, wo ich an der Brust meines Oheims Linderung finden würde, dort in der Stadt meiner Kindheit und aller Träume, die noch dem Gedächtnis Maximas entströmten, selbst von jenseits des Grabes. Zăval, hatte sie mir erzählt, war der wichtigste Mann in der ganzen Stadt, und unsere Häuser bildeten den Mittelpunkt der Welt. Wir waren die Einzigen, die zählten. Und wenn ich wir sage, meine ich damit Maxima, Zăval und erst an dritter Stelle mich selbst, und ich tröstete mich damit, dass mir eine leuchtende Zukunft bestimmt war. Keiner meiner Gedanken hatte sich mit anderen Menschen beschäftigt. Die anderen, die die Stadt bevölkerten und auf den Straßen entlang huschten, voller Stolz auf ihre Häuser und ihre Kutschen, waren ohne Wert für mich. Sie wussten nichts von Sators Existenz, sie sahen nicht, in welcher Richtung sich das Leben bewegt. Sie waren nichts als Schatten, die ich mit einem Fingerschnippen auslöschen konnte. Zunächst aber musste ich zu unseren Häusern gelangen und die anderen Satoriner, Sators Nachkommen, finden.

Mit diesen Überzeugungen im Herzen näherte ich mich der Stadt Bukarest, ohne zu ahnen, dass im eigentlichen Mittelpunkt dieser Welt ein berühmter Koch stand.

ROLAND ERBis a German writer (poet, novelist, essayist), member of the German Writers' Union and PEN Club, the author of numerous Romanian-language translations / other neo-Latin languages. He has worked as editor in top German publishing houses and magazines. Among the writers edited and translated by him are Mihai Eminescu, Ioan Slavici, Mihail Sadoveanu, Tudor Arghezi, Panait Istrati, Marin Sorescu, Ana Blandiana, Norman Manea and many others. For the great merits in the promotion of Romanian literature, he received the “Mihai Eminescu” Medal from the Ministry of Culture of Romania

He is the Deputy Director of the Freie Literaturgesellschaft Association.

htpp: //rolanderbschriftsteller.simplesite.com