Doina Ruști

Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară)

Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară) - Doina Ruști
Polirom Verlag, 2008 (Rumänisch)
Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară) - Doina Ruști
Klak Verlag, 2017 (Deutsch)
Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară) - Doina Ruști
Polirom Verlag, 2017 (Rumänisch)

Zugleich ist das Phantom jener erzählerische Katalysator

Das Phantom in der Mühle ist ein Roman über den Kommunismus. Zugleich

verfolgt er das schreckliche Treiben eines Gespenstes, das sich in einer verlassenen Mühle eingenistet hat.

*Teil I: Das geheime Leben der Adela Nicolescu *

Eine Frau unserer Tage (Adela) entdeckt in einem Schaufenster einen Roman über ihr Leben. Nachdem sie sich davon überzeugt, dass dem wirklich so ist, versucht sie, etwas über ihre Beziehung zum Autor des Romans herauszufinden. Ihre Nachforschungen führen zu einem Blog (stafia.ro) in dem der Romantext nachzulesen ist. Der Text verändert sich allerdings in jedem Augenblick wieder, aus dem Nichts werden Gedanken, Ergänzungen und Erinnerungen Adelas hinzugefügt, die sie während ihrer Lektüre des Romans hat. Der Autor ist ein gewisser Florian Pavel. Das Leben dieser Frau ist gezeichnet von der geheimen Beziehung, die sie zu einem Gespenst namens Max unterhält. Nachdem das Gespenst in einer verlassenen Mühle entdeckt wird, tritt es in die historische Wirklichkeit ein, zuerst episodenhaft, dann allgegenwärtiger in dem Maße, in dem die Gesellschaft moralisch verfällt, so dass in Adelas Wahrnehmung schließlich fast alle Menschen die Züge von Max tragen. Die Ereignisse überstürzen sich und ergeben Adelas aufgewühlte Biografie, in deren Umfeld Menschen sterben, verschwinden oder das Aussehen von Max annehmen, während sie zu der Überzeugung gelangt, dass alle Ereignisse durch das Gespent in der verlassenen Mühle vorbestimmt wurden.

*Teil II: Die Mühle *

Die zweite Erzählung trägt den Titel Die Mühle und beschreibt aus neutraler Perspektive das Leben in dieser Gegend im Jahr 1986, kurz nach dem Unglück von Tschernobyl. Der Mann von der Securitate, der Milize, die Lehrerin, die Verräter

und die Bauern glauben fest daran, dass es einen Geist in der Mühle gibt, um die sich im Lauf der Geschichte bereits ein ganzes Netz von Mythen gesponnen hat. Die meisten haben ein persönliches Gespenst und führen ein Leben im Verborgenen, in der Überzeugung, dass diese unheimliche Tatsache nur ihr Leben betrifft. Doch gibt es einen geheimen Herrscher dieses Ortes (Sandu Ion), der über das Geschehen der Zukunft und der Vergangenheit richtet: Er verändert Schicksale, kennt die Geschichte jedes Einzelnen und hat Zugang zur geheimen Verschlussakte, in der fast alle Erzählungen über das Gespenst der Mühle verzeichnet sind. Berichte von fantastischen Begegnungen, Denunziationen, informelle Notizen, die der Securitate übermittelt wurden vermischen sich zu einem Amalgam, in dem man kaum noch zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden kann.

Eines Tages gibt Sandu Ion den Befehl, die Mühle abzureißen, in der Hoffnung auf diese Weise auch jenes unheimliche Wesen zu vernichten. Als die Bulldozer in den Körper der Mühle vorrücken, flüchtet sich der Geist der Mühle in die Menschen, die schon seit so langer Zeit in Verbindung mit ihm stehen. All das geschieht vor dem Hintergrund verschiedender Ereignisse, die sich an eine Schlüsselerzählung knüpfen: Lucica, eine junge Lehrerin, wird zu einer Feier in das Haus des Milizen eingeladen. Sie hat nicht den Mut, diese Einladung abzulehnen, die sie aber als bedrohlich empfindet. Während die radioaktive Wolke sich über dem Dorf ausbreitet, schlüpft das Gespenst in eine neue Existenzform, Lucica wird von dem Milizen und seinen Freunden vergewaltigt. Später durchlebt Lucica die Katastrophe ihrer Schwangerschaft in einer Intensität, die parallel zur Freude der anderen steigt, die sich ihren Visionen und den um sie herum stattfindenden magischen Begegnungen hingeben. Auf Rat des Milizen lässt sie eine Abtreibung vornehmen, doch kurz darauf wird sie von demselben Mann, der mit ihrem Leben zu spielen scheint, festgenommen und ins Gefängnis geschickt.

*Teil III: Zwei Tage *

Der Roman schließt mit zwei Kapiteln, in denen jeweils eine Episode aus dem Leben des Lehrers Ion Nicolescu erzählt wird: Die erste spielt an einem sonnigen Tag des Jahres 1910, die andere an einem Tag des Jahres 1953, der unter dem Einfluss der historischen Ereignisse und des Urahns Pavel vergeht. In diesen beiden Tagen liegt der Ursprung des Gespenstes aus der Mühle.

Jede dieser drei Erzählungen ergänzt die Vorgänge der anderen, erläutert Haltungen, Konflikte und Geschehnisse, die bis dahin unerklärlich schienen. In der kommunistischen Welt des Gespenstes aus der Mühle gibt es keine positiven oder negativen, gute oder böse Figuren. Jeder hat auf seine Weise Anteil an der Aufrechterhaltung des großen Gefängnisses und wünscht doch nur eins: zu überleben. Aus diesem Grund findet sich in diesem Roman keine Hauptfigur, statt dessen aber eine Welt, die subtil an den Geist einer zerstörten Geschichte gebunden ist.

Das Gespenst aus der Mühle ist ein Roman über die schlüpfrige Welt der Denunziationen, des kleinlichen Überlebens und der großen Vorgänge, die von den Urhebern der Geschichte entschieden werden. Es ist ein Roman über den Kommunismus und seine Folgen. Doch der Haupterzählstrang gilt einem nebulösen, allgegenwärtigen Gespenst, das gezwungen ist, ebenfalls in den Überresten einer Welt zu leben, an die es unweigerlich gebunden ist. Die schlammige Welt, in der meine Wurzeln zu faulen beginnen.

https://www.youtube.com/watch?v=zkZ4i9WCT4w&feature=youtu.be

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Premiile USR 2009: Fantoma din moară