Doina Ruști

Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară)

Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară) - Doina Ruști
Polirom Verlag, 2008 (Rumänisch)
Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară) - Doina Ruști
Klak Verlag, 2017 (Deutsch)
Das Phantom in der Mühle (Fantoma din moară) - Doina Ruști
Polirom Verlag, 2017 (Rumänisch)

II, 26

Die Begegnung mit dem Gespenst war für Milu ein Schock. Er wachte in aller Herrgottsfrühe auf und machte seine Runde bis zu den Gewächshäusern. Durch das schmutzige Glas konnte er ein paar Kisten mit Keimlingen erkennen. Er holte eine Zange aus seiner Hosentasche und klopfte leicht an die Scheibe, damit sie möglichst lautlos zu Bruch ging. Als er mit den Kisten, die er in Bretter zerlegt und mit einem rostigen Draht umschnürt hatte, zurück zum Haus ging, kam ihm die Pute im Licht der Morgendämmerung entgegen, die Sonne war noch nicht aufgegangen, schickte aber ihre Strahlen schon über die Lider des Horizonts herauf. Der Junge beschleunigte seine Schritte, tat so, als sähe er die Pute nicht, die aber mit ihm Schritt hielt und warf die Bretter geradezu vor die Öffnung des Ofens im Hof. Mit zwei Sätzen war er im Haus und dann gleich in der guten Stuben, dort war er allein. Er rollte sich auf dem Boden neben der Truhe zusammen, auf der gewebte Wolldecken gestapelt lagen, dann hob er den Blick. Die Pute stand vor ihm auf dem weißen Brunnenrand, ganz so als wäre sie wirklich da. Milu beschloss fürs erste, sie einfach zu übersehen. Hier in der guten Stube gab es einen kleinen Tisch, den seine Mutter irgendwo aus dem Dorf mitgebracht hatte. Es war ein niedriger Tisch, wie ein Stuhl, der mit einer dunklen, matten Farbe gestrichen war, die er sonst nur von den Schulbänken kannte. Dieser Tisch hatte eine Schublade, die Milu eilig aufriss, dabei stieß er auf ein Buch mit buntem Umschlag, auf dem stand Allein auf der Welt. Auf die erste Seite hatte jemand mit einem Kuli geschrieben Für Adelutza von Oma. Milu mochte dieses Buch und jedes Mal, wenn er es aufschlug, fühlte er sich in Sicherheit, fast so, wie wenn er fluchte. Er ließ den Blick ein paar Sekunden über eine der Seiten schweifen, dann hob er ihn wieder zu der Pute auf dem weißen Brunnenrand.

- Was willst du von mir, fragte Milu und versuchte nicht darüber zu lachen, dass er begonnen hatte, der Pute Fragen zu stellen.

Der Vogel sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an und schüttelte plötzlich seine Flügel. Milu sah ihn jetzt an, als erwartete er eine Artwort. Die Pute bewegte rhythmisch ihren dünnen Hals und beäugte ihn von der Seite.

Später, Milu hatte es inzwischen satt, sie anzusehen, öffnete sie wieder ihre Flügel, richtete sich kampflustig auf und schritt zielstrebig auf das Gesicht des verblüfften Jungen zu, der noch immer das Buch aus der Schublade in den Händen hielt. All das

dauerte weniger als eine Sekunde. Er sah den Vogel auf ihn zukommen, dann drang er in seine Stirn ein wie ein Korkenzieher. Er hörte das Rascheln der Flügel, die sich eindrehten, schließlich wurde Milu still, richtete den Blick auf den weißen Brunnen vor ihm. Aber kaum hatte begriffen, was geschehen war, als er um seine Brust den weißen, wie einen Gurt geschnürten Brunnenrand spürte. Er lehnte jetzt an der Wand zwischen der hölzernen Truhe und dem kleinen Tisch und vernahm in seinen Ohrmuscheln das Flattern der gesprenkelten Flügel.

Er nahm wahr, wie seine Mutter aufs Feld ging, aber er wich nicht von der Stelle. Fast eine Stunde lang stand er reglos da, dann beschloss er im Wald auf der anderen Seite des Flusses ein wenig die Zeit totzuschlagen. Er wäre im Stande gewesen, durch die Dörfer zu wandern, durch eins nach dem anderen, dass nur kein Bekannter ihn fragte, warum er sich das weiße Ding um die Brust gelegt hatte. Er hatte sowieso nicht vor zur Schule zu gehen: Es war der zweite Osterfeiertag und er hatte sich schon gestern fest vorgenommen, die Totenhora nicht zu verpassen, zu der sicher mindestens einer mit Keksen kommen würde, wenn nicht sogar mit Kuchen. Und so war es auch.

Gegen Mittag riefen ihm ein paar Klassenkameraden zu, er solle zur Schule gehen. - Los komm, wir haben doch UTC-Versammlung .
- Ich komme nach. Richtet dem Klassenlehrer aus, dass ich zu tun habe. Ich komme

etwas später, aber ich komme.
Die Jungen fragten ihn nichts zu dem weißen Ding, also ging er ihnen nach. Er sah

die Schlangen für Zucker und Öl, aber er wusste, sie hatten kein Geld, also ging er weiter. Über dem Dorf schwebte eine weiße, gedrungene Wolke und aus dem Popental kam ein Pfad zwischen den Häusern herauf, mündete in eine Sackgasse und führte zu einem großen, ausgetretenen Platz. Dort standen ein paar wenige Leute, vor allem die Angehörigen der Toten, für die heute die Hora getanzt wurde. Schnell überblickte Milu, dass es auch Süßigkeiten gab. Ein paar in Schwarz gekleidete Frauen bewachten eine Schüssel mit gelben Kuchen, eine Art Kekse aus mit Möhren vermischtem Mehl. Weiter hinten stand jedoch auch ein Korb voller Aprikosen und großer runder Kuchen mit Nussfüllung und gelber und roter Glasur, man hätte meinen können, die Kuchen seien echt. Andere hatten Hefekuchen, den sie bei Segarcea gekauft hatten.

Milu trat ein wenig auf der Stelle und als die Musiker wieder anfingen zu spielen, reihte er sich in die Hora ein und pfiff dabei zwei Mal lang. Er tanzte zwischen zwei älteren Frauen, denen er die Arme in die Höhe riss, wie einer, der zu Spaß aufgelegt ist. Hin und wieder forderte er sie auf wie ein richtiger Mann: Na los, Tantchen, stampf den

Boden, tanz ihn nieder, damit sich Onkel Stelica, wo immer er auch ist, dran freut da drüben im Jenseits. Sowie die Hora begann, traten die Angehörigen des Toten in die Mitte um die Totengaben zu verteilen: ein paar Blumen, eine Kerze, einen Kuchen und ein rotes Ei. Ein älterer Junge ging mit einem Weinschlauch herum, aus dem er jedem etwas in ein Glas goss. Es war dickwandig und eher klein und wurde von Mund zu Mund gereicht. Milu schnappte sich den Kuchen und verschlang ihn mit zwei Happen. Das war zuviel gewesen, er fühlte, dass er nicht mehr schlucken konnte und der Ring um seine Brust quetschte ihn wie eine Zange. Die Frau mit dem Kuchenkorb am Arm hatte sich ziemlich weit entfernt, so dass Milu sich von seinen Tänzerinnen losmachte und sich weiter vorne wieder einreihte, um noch eine Runde abzufangen. Die Frau reichte ihm wieder ein Stück Kuchen, sah ihn aber vorwurfsvoll an, so dass dem Jungen der Spaß am Tanzen verging. Der Hefekuchen schmeckte ihm nicht, die Möhrenkekse erst recht nicht. Aber er reihte sich auch in die nächste Hora ein und ging dann schnurstracks nach Hause. Er war gut gelaunt, hatte sich ein paar Margaritenstengel hinters Ohr gesteckt, zwei gekochte Eier in der Hosentasche und eine Scheibe Hefekuchen in der Hand. Zuerst hatte er vorgehabt, doch noch in die Schule zu gehen, aber er wäre zur Rumänischstunde gekommen und er erinnerte sich gerade rechtzeitig daran, dass er das Gedicht nicht gelernt hatte: Die Partei ist in allem, ist in allem was ist, und in allem was morgen, der Sonne lacht. Das war alles, er konnte den Anfang und es kam noch ein ziemlicher Rattenschwanz, ungefähr vier, fünf Strophen vielleicht. Warum hätte er das lernen sollen? Er wollte sowieso nicht ins Lyzeum. Nicht mal zur Berufsschule. Sein Plan war, sofort nach der Schule abzuhauen, direkt nach Bukarest und von dort nach Buftea, wo die Filme gedreht werden, er würde den großen Schauspieler Florin Piersic aufsuchen und ihn auf Knien anflehen, ihn reinzulassen, Onkel Florin, egal welche Arbeit, alles ist mir recht, ich tue alles, aber lass mich mitmachen, ich bin ein armer vaterloser Junge. Das sollte aber nur der Anfang sein, denn Milu war überzeugt, dass er ein berühmter Schauspieler werden würde, er sah sich schon in einen schwarzen Mantel gehüllt, über die Schulter den schönen Frauen nachschauend, die ihn umschwärmten, aber es nicht wagten, sich ihm zu nähern und er sah sich als großer Star zurück nach Comoșteni kommen und großzügig auf all die herabblicken, die sich über ihn lustig gemacht hatten. Gerade malte er sich diese triumphale Rückkehr aus, die Blumen hingen ihm übers Ohr, als Mădălina ihn in ihrer Pionieruniform und mit ihrem blauen Schulranzen auf dem Rücken einholte.

- Wie wars in der Schule Mădălina? Hattest Du Pionierversammlung?

Das Mädchen sah Milu von oben herab an und antwortete angewidert:
- Das ist meine Sache, geht dich nichts an.
Er mochte sie auch nicht, deshalb war nun wohl der Zeitpunkt gekommen, ihr einen

Fluch nachzuschicken, als sie fragte:
- Warum hast du dir den Ring da um die Brust gemacht?
Niemand hatte ihn bisher gefragt und ihre Frage brachte ihn wieder auf das Ereignis

zurück, an das er lieber nicht mehr hatte denken wollen.
- Weil ich ein witziger Typ bin.
Mădălina schnitt eine Grimasse, als wäre es nicht einmal denkbar dass er

wenigstens ein viertelwitziger Typ war, dann fuhr er fort:
- Das ist was Ausländisches. Mein Onkel aus Amerika hat ihn mir geschickt.
- Du und Amerika! So ein Käse! Du sollst einen Onkel in Amerika haben?! Haha,

du hast doch nicht mal einen Onkel in Zăval und erst recht nicht weiter weg.
Das Mädchen ärgerte ihn und Milu verlor seine Geduld, also ließ er nicht locker: - Woher weißt du das? Hat dir das deine Mutter geflüstert, die Akademikerin für

Kühe ist? Und mit einer kurzen Handbewegung und voller Widerwillen schnippte er ihr mit zwei Fingern die weiße Pioniermütze vom Kopf. Das Mädchen drehte sich zu ihm um, ihre Augen waren zu gekränkten Schlitzen verkniffen, während die weiße Mütze wie ein zerzauste Scheibe auf dem trockenen Asphalt landete. Und weil Mădălina mit voller Lautstärke zu fluchen begann, beschloss Milu, ihr auch noch eine runterzuhauen. Aber die ganze Sache entwickelte sich anders als erwartet. Aus einer Gasse tauchte wie aus dem Nichts Lolică auf, er war verschwitzt vom Rennen und mit zwei Bewegungen hob er die flauschige Mütze auf. Noch in gebückter Haltung begann er das Mädchen auf eine Art und Weise anzusprechen, die Milu mit offenem Mund staunen ließ:

- Prinzessin, sagte er, lass das Prinzessin, leg dich

nicht mit ihm an, lass mal und guck hier, Prinzessin, komm nach Hause, Lolică hat dir ein glänzendes Armband gemacht.

Milu fühlte, wie die Flügel der Pute sich in seiner Ohrmuschel schüttelten und die Worte des Zigeuners glitten neben dem Geflatter wie Schlingen aus aromatisiertem Dampf in sein Gehör.

Auch der Himmel fiel in in Dämpfen zur Erde und aus der Mühle, die er jetzt genau sehen konnte, drangen Wirbel von sich ausstreuendem Rauch wie Nebel an einem Sommermorgen. Er hatte keine Lust, noch etwas zu sagen, schweigend tappte er hinter

den beiden her, hinter Lolică und Mădălina, die einander mitten auf dieser Straße aus altem Zement an den Händen hielten.

(trans. Eva Ruth Wemme)